Mein Leben bestand auf der einen Seite aus Schmerz, Leid, Demütigung. Aber auf der anderen Seite habe ich in schönster und liebevollster Weise die Liebe erfahren dürfen. Liebe ist ein Thema, welches mich immer schon fasziniert und beschäftigt hat. Liebevoll zu leben, darum habe ich mich immer schon bemüht. So konnte ich 29 Jahre mit meinem ersten Mann Seite an Seite durch diese Welt gehen, geprägt von Respekt, Achtung voreinander, Hilfsbereitschaft und liebevollem Umgang. Doch jedes Leben beinhaltet auch Lernen und Wachstum. Und jeder lernt und wächst auf seine ureigenste Weise. Mein "Lernweg" bedeutete Krankheit und Schmerz, und zugleich, dass Menschen neben mir stehen, die mich in Liebe begleiten, mich umarmen, mich stützen, an mich glauben. Die Kraft meiner Psyche, meiner Seele, meines Seins, hat mich dabei immer gestützt und getragen. Das "ich will", das "ich will lernen", und auch das "ich will leben" standen dabei immer im Vordergrund. Drei Mal war ich dem Tod so nahe, dass es nicht klar war, ob ich es überleben würde. Drei Mal habe ich die "letzte Ölung" bereits erhalten. Und doch lebe ich, liebe ich, bin ich!
Mein erstes Mal „Totsein“ erfuhr ich bereits mit 21 Jahren. Eine Woche Koma, "sie stirbt jeden Moment", auf Grund einer nicht erkannten beidseitigen Lungenentzündung und Lungenfellentzündung. Das zweite Mal war ich 27 Jahre alt, sechs Wochen Koma, sechs Wochen "sie stirbt jeden Moment". Nach einer notwendigen Operation wachte ich erst einmal nicht mehr auf, mein Bauchraum füllte sich nach und nach mit Blut, was eine zweite OP erforderliche machte, und danach weigerte sich mein Darm, seine Arbeit wieder aufzunehmen, was einen Darmverschluss zur Folge hatte. Das dritte Mal "Totsein" dauerte 1 ½ Jahre. Ein Zustand während dieser fünf Jahre meiner Erkrankung, welche ich in meinem Buch "Fünf Jahre ohne Zeit" beschrieben habe. Ich war 35 Jahre alt.
Viele körperliche Schmerzen habe ich erfahren. Ja. Und es ist etwas, das mir in keinster Weise mehr Angst machen kann. Tod? Auch das habe ich mir angesehen, auch das macht mir keine Angst mehr. Vielmehr weiß ich nun, meine Gedanken so einzusetzen, dass alles mir möglich ist.
Auf meinem Weg habe ich verschiedenste Ausbildungen hinter mich gebracht, welche mein Leben ebenso bereichern, wie meine Erfahrungen durch Krankheit. Als Krankenschwester sind mir die medizinischen Grundlagen, die Anatomie und Physiologie des Körpers vertraut. Als Kauffrau beschäftige ich mich mit eher "trockenen Dingen" wie der Verwaltung von Immobilien und von Finanzen. Ich bin ausgebildet in klassischer Fußreflexzonenmassage, in "Fuß-Chakren-Massage", bin Reiki-Meister, Lehrer in "Metamorphischer Methode". Von Jugend an beschäftigte ich mich mit Yoga. Und zudem habe ich jahrelang Erfahrung sammeln können mit Ayurveda bzw. dem ihr eigenen Energiesystem. Meine Erfahrungen mit dem Tod beschränken sich nicht nur auf meine eigenen Erlebnisse, sondern viele Menschen habe ich auch begleitet auf ihrem letzten Weg. Geprägt durch diese diversen Erfahrungen habe ich eine intensive Schulung genossen, welche mir die Realität (im wahrsten Sinne des Wortes) in anderem Licht erscheinen lässt. Aus dieser Erfahrung/ diesem Wissen heraus kann ich schöpfen.
Meine Kinder leben selbstbewusst ihr Leben, in natürlicher, fröhlicher und ungezwungener Weise. Sie lieben das Leben. Und meine vormals große Angst, sie könnten Schaden nehmen durch den von mir vorgegebenen Weg, hat sich verflüchtigt. Vielmehr sehe ich mit Freude, wie sie durchs Leben schreiten. Mein mir lange zur Seite stehender Mann, Peer, genießt sein Leben und ist glücklich. Es ist uns beiden eine große Freude, uns zu treffen, zu umarmen, uns auszutauschen. Auf die vermutlich immer wieder für andere Menschen interessante Frage, warum wir uns wohl getrennt haben, kann ich nur so antworten: Unser gemeinsamer Lebensweg als Paar hat ein Ende gefunden. Unser gemeinsamer Lebensweg als Freunde, in Liebe verbunden, bleibt bestehen. Wieder habe ich nun einen Mann an meiner Seite, Peter, mit dem ich in tiefster Liebe verbunden bin. Ja, ich bin wieder verheiratet, und es ist schön. Da ich nicht durch "schlechte" Erfahrung geprägt bin in Bezug auf Ehe, Trennung, Scheidung, etc., sondern vielmehr durch respektvolles, liebevolles Miteinander, erübrigt sich die Frage "Warum traust du dich das noch einmal?". Ich liebe Peter, und er liebt mich. Er ist es, mit dem ich nun durchs Leben gehe, als Paar, und in Liebe.
Eine schwere Herpesencephalitis, also eine Entzündung des Gehirns, hervorgerufen durch Herpesviren, war es, die mein Leben komplett verändert hat. Ich hatte alles verloren, jegliche Erinnerung, all das was ein Hirn ausmacht, also Denken, Lesen, Schreiben, Spüren. Alles musste ich wieder lernen, angefangen vom Verstehen eines Wortes, bis hin zum Fahrradfahren und Autofahren. Eineinhalb Jahre lang dauerte der Zustand des "Totseins" – ein Zeitabschnitt, in dem die Ärzte sagten "sie stirbt jeden Moment". Davor war die Zeit des "es geht bergab", danach die Zeit des langsamen Aufbaus, des "es geht bergauf".
Während dieser schweren Erkrankung, die fünf Jahre meines Lebens an Zeit erforderte, gelang es mir, den Mut aufzubringen, zu mir zu stehen, und all das infrage zu stellen, was ich bis dahin gelebt hatte. Den Eid, den ich während meiner Krankheit ablegte, mein "Deal mit Gott", der da hieß: "Wenn Du mir hilfst, mein Vater, das durchzustehen, mir die Kraft gibst, die Energie, das Wissen und das Verstehen, mich wieder komplett zu heilen, sodass ich wieder dastehe in meiner vollen Größe, verspreche ich, schwöre ich, ICH LEBE MICH, mit all dem, was mich ausmacht, mit all dem, was ich kann, was ich bin, in all seiner Konsequenz.", dieser Eid war es, der dazu führte, dass ich mein Leben veränderte und nun da stehe, wo ich bin.
Die Zeit des Krankseins ist vorbei. Und so absurd es auch klingen mag, ich freue mich, wenn ich einfach mal "nur" Schnupfen habe. Denn es bedeutet für mich, einfach so ganz "normal" krank zu sein. Bis dahin kannte ich nur Drama und Tragödie, sobald ich krank werde. Einfach so... gab es vorher nicht. So lebe ich nun in Gesundheit, Liebe und Glück, in einem Zuhause, das mein Paradies ist. Der Weg dahin war schwer.
Einen Teil dieses Weges habe ich aufgeschrieben, nämlich den Teil, der die fünf Jahre umfasst, in denen ich diese letzte Erkrankung "durchlebte". Da ich in dieser Zeit keinerlei realen Bezug mehr hatte, also alles verlor, was das normale menschliche Leben so ausmacht, nicht mal mehr Raum und Zeit für mich existierte, hat mein Buch auch den Titel "Fünf Jahre ohne Zeit" erhalten. Meine Aufzeichnungen umfassen also fünf Jahre. Es sind die Jahre meiner Krankheit und meiner Genesung. Erst im vierten Jahr begann ich damit, meine Erinnerungen wachzurufen und aufzuschreiben, was ich in dieser schweren Zeit erlebt habe. Da der Weg durch diese Erkrankung stets mehrere Gesichter hatte, habe ich versucht, diese aufzuzeigen. Dadurch besteht dieses Buch nicht aus einer Geschichte, welche dem einen roten Faden folgt, sondern aus vier dieser Fäden. Vier Gleise laufen gleichzeitig nebeneinander und gleiten durch die Zeit, bis sie alle, wiederum gleichzeitig am Ende, am Ziel angelangen.
Das erste Gleis beschreibt das, was ich in dieser Zeit, in dieser Welt erlebt habe – das, was man gemeinhin als wirklich und wahr beschreiben würde. Aber es beinhaltet auch das, was ich empfunden habe und das, was ich fühlte und dachte. Das zweite Gleis beschreibt meine Träume – also das, was ich, wenn ich tief und fest eingeschlafen war, träumte. Denn alles, Traum oder Wirklichkeit, war für mich gleich real.
Das vierte Gleis ist die Erzählung meiner Tagträume, und zwar das, was ich "sah". Ich sah mein Leben. Ich sah meinen jeweiligen Zustand in verschiedenen Bildern und wusste dadurch ganz genau und immer korrekt, wie es um mich stand. Ob ich weiterkämpfen sollte, ob ich überleben würde, ob ich auf dem richtigen Weg war, was als Nächstes zu tun war oder ganz einfach, ob dies die richtige Therapie war oder nicht. Ohne diese Bilder hätte ich aufgegeben. Sie gaben mir Kraft und Mut und zeigten mir immer den richtigen Weg. Diese drei Gleise sind innerhalb des Buches in verschiedenen Schriftarten festgehalten. Mehr erklärende Worte dazu gibt’s im Buch. Zuletzt gibt es noch das vierte Gleis, bestehend aus meinen gemalten Bildern.
In der Zeit, als ich noch nicht fähig war, mich auszudrücken, Worte zu fassen und zu beschreiben, wie es mir geht, in dieser Zeit, begann ich zu malen – mich, aber auch meinen Zustand. Die passenden Aquarelle für die Zeit, in der noch absolut keine Tätigkeit möglich war, malte ich später, sozusagen aus meiner "Erinnerung" heraus. So entstand eine lückenlose Dokumentation dieser Krankheit. Durch Einfügen des jeweils passenden Bildes in das die gleiche Zeit betreffende Kapitel kann man sich besser in die Situation hineindenken, sie sich besser vorstellen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen, Gesundheit, und vor allen Dingen … Freude am Leben. Denn das Leben ist wunderschön!
Birgit Maria NiednerSelbstverständlich war es ein langer Prozess, bis ich zu dem Punkt gelangt bin, dieses Buch veröffentlichen zu wollen. Es ist persönlich, beschreibt mich, mein Leben. Immer wieder las ich das Manuskript, um so, nach und nach, all das Geschehene verarbeiten zu können. Denn immer wieder kamen mir die Tränen an bestimmten Stellen im Buch, wo die Erinnerung mich zu sehr berührte. Da das, was ich erlebt habe, außergewöhnlich ist, es vor allem aber so ist, dass ich nie Mitleid wollte, sondern den Menschen eher sagen wollte, auch DU schaffst es, habe ich beschlossen, mit dieser meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Es liegt mir fern, mich zu präsentieren als etwas Besonderes. Und doch hatte ich das Gefühl, ich kann die Menschen mit dieser meiner Geschichte bereichern, in dem Sinne, dass ich ihnen Mut machen kann, ihnen sagen kann: Glaub an dich.
Mein Anliegen, mein Wunsch ist es, dass mein Buch den Menschen Mut macht, zu dem zu stehen, was sie selbst fühlen. Dies betrifft den Patient natürlich genauso wie die Angehörigen. Selbst das Pflegepersonal braucht ein gewisses Maß an Mut, um manches Mal vor den Kollegen zu bestehen, wenn sie belächelt werden für die Gespräche und die liebevolle Art, mit der sie mit einem Menschen, der im Koma liegt, umgehen.
Dass Menschen etwas wahrnehmen, obwohl das aus medizinischer Sicht eigentlich nicht möglich sein kann, ist sehr oft der Fall. Ich habe viele Menschen getroffen, die … wenn sie erst einmal merken, dass da eine Person ist, mit der man darüber reden kann... zu erzählen beginnen, was sie erlebt haben.
Glaubt also an die Kraft der Seele, die da dem Körper innewohnt. Denn die Seele lebt. Mit ihr könnt ihr kommunizieren, was auch immer der geschwächte Körper euch anderes vermittelt. Das ist es, was ich vermitteln möchte. Glaubt an euch. Glaubt an die Kraft in euch. Glaubt daran, dass eure Gedanken machtvoll sind.
Und selbst für jene, die "nicht an Gott glauben": Die Kraft des Universellen, ob wir es nun Gott nennen, Allah, den großen Baumeister, universelle Liebe, oder wie auch immer – sie ist mit uns.
Die Liebe in unseren Herzen ist es, die uns die Kraft gibt, zu bestehen. Was auch immer geschehen mag, wie schmerzvoll es auch erscheinen mag.
In LiebeDas Buch "Fünf Jahre ohne Zeit" können Sie über jede Buchhandlung im deutschsprachigen Raum beziehen. Selbstverständlich gibt’s das Buch auch im internet zu kaufen (z.B. bei amazon).
Titel: FÜNF JAHRE OHNE ZEIT
Autorin: Birgit Maria Niedner
Verlag: edition fischer
ISBN: 978-3-89950-474-3
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